|
Rheinische Post, Dienstag, 01.12.2009
|
|
Einen Leckerbissen für Film-, Kunst- und Musikfreunde gleichermaßen gab es am Samstagabend in der Reihe "Nachtmusik" in der Kempener Paterskirche.
|
VON SILVIA RUF-STANLEY
KEMPEN Passend zur dunklen regnerischen Novembernacht entführte das Kulturamt in das "Cabinet des Dr. Caligari". Der 1920 von Robert Wiene gedrehte Stummfilm ist nicht nur ein Filmklassiker, sondern auch ein wunderbares Zeitdokument. Das Ensemble Ecoute unter Leitung von Helmut Imig spielte dazu live die eigens für den Film von Giuseppe Becce komponierte Musik.
Wiene lässt seine Geschichte um rätselhafte Morde in einer bizarren expressionistischen Kulisse spielen. Verzerrte Kulissen mit schiefen Wänden, Wege, die ins Unendliche zu führen scheinen. Dazu ein raffiniertes Spiel mit Licht und Schatten. Dr. Cagliari führt auf Jahrmärkten einen schlafwandelnden Menschen vor, den angeblich nur er für kurze Momente erwecken kann. Dieser prophezeit einen Mord, der dann tatsächlich auch so passiert. Der Freund des Opfers versucht, den Mörder zu finden.
Wiene macht daraus eine Geschichte mit deutlichen Seitenhieben auf die Obrigkeitshörigkeit im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. So sitzen Polizisten und Beamte auf überhöhten Hockern, von denen sie erst einmal mühsam herunterklettern müssen, um sich mit einem Besucher zu befassen.
Faszinierend ist rund 90 Jahre später, wie dieser Film nur mit spärlichen Zwischentexten auskommt. Das ist nicht nur der spannenden Geschichte zu verdanken, sondern vor allem den Schauspielern, darunter Werner Kraus und Lil Dagover. Eben weil es keine Worte gibt, erhalten Mimik und Gestik eine ganz besondere Bedeutung. Man merkt, dass die Schauspieler allesamt aus der Theaterwelt mit der entsprechenden klassischen Ausbildung kamen.
Nichts an Frische verloren
Und dann die wunderbare Musik. Das Ensemble Ecoute unter Leitung von Helmut Imig verstand es kongenial, die Szenen zu begleiten. Becces Filmmusik legt sich über die Szenen wie in einem Guss. Seit 1920 hat sie nichts von ihrer Frische verloren. Es ist, als ob die Musiker die neben ihnen laufenden Filmszenen lautmalerisch mitspielen. Sie verleihen dem Kino quasi die Worte.
Tiefe Emotionen, Aufgewühltheit, Angst, Schrecken, Verzweiflung oder einfach auch das Jahrmarktgetingel - die ganze Bandbreite ist in der Musik enthalten. Bis hin zum überraschenden Ende des Films erzeugten Musik und die Leinwandbilder so einen Spannungsbogen, der in der dunklen Paterskirche förmlich zu spüren war. Konzentriert lauschten und schauten die rund 60 Besucher. Ein wiederholenswertes Experiment, scheint es doch viele Freunde des Stummfilms in Kempen zu geben.
Der Artikel als PDF ( KB)
|
|