|
Rheinische Post, Dienstag, 23.03.2010
|
|
Als bekannt wurde, dass Cédric Pescia wegen Krankheit nicht zum vierten Konzert der Reihe "Klavier extra" kommen konnte, mag sich mancher entschlossen haben, lieber zu Hause zu bleiben.
|
KEMPEN (gho) Wer trotzdem in die Paterskirche kam, durfte sich bald erstaunt die Augen, genauer: die Ohren reiben. Denn mit dem aus den USA stammenden, heute in Frankreich lebenden David Lively war ein Pianist der Extraklasse zu hören.
Klavierspiel wie ein Sänger
Lively begann mit deutscher Romantik, mit drei Capricen op. 16 von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Robert Schumanns C-Dur Fantasie op. 17. Livelys Spiel besticht durch eine atemberaubende Virtuosität. Doch er gehört nicht zur Fraktion der Tastenakrobaten, bei denen über der Technik die Musik zu kurz kommt, im Gegenteil. Er lässt beim Hören vergessen, dass auf dem Klavier jeder Ton neu angeschlagen werden muss. Kantilenen kann er legato gestalten wie ein Sänger mit dem Atem oder ein Streicher mit dem Bogen. Hinreißend spielt er langsame Sätze so, als könne ein Klavier singen. Schnelle Partien kommen mit nachtwandlerischer Sicherheit. Mit bewundernswerter Kraft geht es durch die Fortissimo-Passagen, ohne dass die Sensibilität fürs Zarte und für Zwischentöne verloren ginge.
Der zweite Teil führte mit 18 "Song-Book-Hits" von George Gershwin in ganz andere musikalische Gefilde. Zunächst einmal war es vergnüglich, so beliebte pfiffige Titel wie "I Got Rhythm" oder " 'S Wonderful" wiederzuhören. Aber das allein war's nicht. Lively reihte nicht einfach ein paar reizvolle Gershwin-Melodien aneinander. Rhapsodisch ging er mit den Stücken um, variierte ständig den stilistischen Zugang. Mal ging er mit Swing zur Sache, mal heiß, mal süß. Mal klang es robust wie ein Ragtime, mal lag ein impressionistisches Flimmern über den Melodien.
Große Meisterschaft
Bravourös gelang auch der letzte Programmbeitrag, Maurice Ravels "La Valse". Besticht auch die Orchesterfassung dieser faszinierenden Komposition durch eine raffinierte Instrumentierung, so fasziniert andererseits die Beschränkung aufs Klavier gerade durch die Möglichkeit, die klanglichen Modifikationen eines einzelnen Instruments auszuloten. Ravel lässt den Walzer in den unterschiedlichsten Facetten anklingen: elegant, verspielt, charmant, aber auch bis zur Ekstase gesteigert und gelegentlich mit einem derben Beigeschmack. Wie Lively diese Gegensätze differenzierte, wie er mit einem großen Atem und vitaler Musikalität Spannungskurven aufbaute, das bewies große Meisterschaft.
Um zwei Zugaben musste das begeisterte Publikum nicht lange bitten und hörte noch eine "Arabeske" von Debussy und Chopins siebte Etüde cis-moll op. 25.
Der WDR nahm das Konzert auf, der Sendetermin ist am Donnerstag, 10. Juni, 20.05 Uhr, WDR 3.
Der Artikel als PDF ( KB)
|
|