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Rheinische Post, Dienstag, 27.04.2010
Eine klare Grenze zwischen ernster Musik und Unterhaltungsmusik zieht weder das Wiener Ensemble Amarcord noch der Komponist Erik Satie. Ihm widmeten die vier Musiker auf unkonventionelle Weise ihr Programm, das sie in der Kempener Paterskirche spielten.
VON GERT HOLTMEYER

KEMPEN
"Stimmen sie noch oder spielen sie schon?" So ähnlich mag mancher Zuhörer am Beginn des sechsten "Musica antica e viva"-Abends in der Paterskirche gedacht haben. Ganz allmählich, fast aus dem Nichts, entwickelte sich der Beginn eines interessanten, durch und durch unkonventionellen Konzerts.

Unkonventionell waren Leben und Werk des französischen Komponisten Erik Satie, dem das Programm gewidmet war. Unkonventionell ist auch die Quartett-Besetzung von Amarcord Wien, und unkonventionell ist auch die Art und Weise, wie Sebastian Gürtler (Violine), Michael Williams (Violoncello), Gerhard Muthspiel (Kontrabass) und Tommaso Huber (Akkordeon) mit Musik umgehen.

Eine klar gezogene Grenze zwischen E- und U-Musik gibt es für Amarcord nicht, und für Satie gab es sie auch nicht. Der Grenzgänger Satie betätigte sich als Bar- und Cabaret-Pianist, befasste sich mit mittelalterlicher Mystik, fühlte sich zum geheimbündlerischen Orden der Rosenkreuzer hingezogen und kannte sich auf dem Montmartre aus.

Die vier Musiker aus Wien ließen die Zuhörer auf sehr lebendige Weise an ihrem eigenen, individuellen Zugang zum Werk Saties teilnehmen. Seine "Gnossiennes", von Satie für Klavier geschrieben, bekamen in ihrer Interpretation durchaus eigene Akzente - genau so wie die Bearbeitungen von Klavierwerken des Satie-Freundes Claude Debussy.

Fürst Metternich meinte einst, der Balkan beginne im dritten Bezirk Wiens am Rennweg. Diese Sichtweise animierte "die Amarcords" als Wiener, eine gehörige Portion osteuropäisches Kolorit einzumischen. Satie zeigte sich stets für andere Musik offen, Amarcord ebenfalls. So haben die vier sympathischen Musiker auch kein Problem damit, ihr Faible für südamerikanische Folklore in ihre Satie-Arrangements einfließen zu lassen. Auch zeigten sie, dass sie sich auch auf die Wiedergabe tradierter argentinischer Tangos verstehen.

Die Amarcords beherrschen ihre Instrumente, denen sie auch ganz ungewöhnliche Perkussions-Klänge entlocken können. Sentimentale Melodien vermögen sie mit viel Schmelz und Sinnlichkeit wiederzugeben - um sie dann parodistisch zu brechen. Mit zwei bekannten, apart arrangierten brasilianischen Titeln - "Desafinado" und "The Girl from Ipanema" - beendeten die Wiener mit dem Faible fürs Südamerikanische ihr kurzweiliges Programm.

Auf den begeisterten Beifall reagierten die Gäste aus Wien russisch - mit dem beliebten zweiten Walzer aus Dimitri Schostakowitschs Suite Nr. 2 für Jazzorchester.


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