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Rheinische Post, Freitag, 19.10.2007
"Erinnerungen eines Abtes aus Tirol" hatte La Reverdie seine bunte Folge genannt.
VON WALTER DAMM

KEMPEN Zwischen Weltschmerz und praller Lebenslust - so etwa könnte man die Pole der mittelalterlichen Sammlung von größtenteils lateinischen Gedichten aus der ersten Hälfte des 13.Jahrhunderts bezeichnen, die wegen ihrer Herkunft aus dem bayerischen Kloster Benediktbeuren seit dem vorigen Jahrhundert den Namen "Carmina Burana" tragen.

Seit 70 Jahren verbindet sich mit diesem Titel die Komposition Carl Orffs, die freilich mit ihrer deftigen Massivität himmelweit entfernt ist von der ursprünglichen musikalischen Gestalt der carmina, soweit sie sich ermitteln lässt und wie sie im ersten Konzert der neuen Reihe "Musica antica e viva“ in der Paterskirche zu hören war.

Das international renommierte Ensemble "La Reverdie" (Claudia und Livia Caffagni, Elisabetta und Ella de Mircovich, Doron David Sherwin und Andrea Favari) bot singend und mit zeitgenössischen Instrumenten (Laute, Flöten, Psalterium, Fiedeln, Rebec, Harfe, Zink, Trommeln und Glocken) einen nach heutigen Kenntnissen authentischen Eindruck, wie diese Gedichte vor 750 Jahren musiziert wurden.

Gegenüber Orffs Version mag sich das für manchen zunächst fast ärmlich angehört haben, aber die Klarheit der rhythmischen Vielfalt in Verbindung mit der instrumentalen Buntheit sorgte alsbald für eine ganz eigenartige Spannung, der man sich kaum entziehen konnte.

"Erinnerungen eines Abtes aus Tirol" hatte La Reverdie seine bunte Folge von 13 Carmina genannt in Erinnerung daran, dass die Handschrift in der Südtiroler Abtei Neustift entstanden ist.

Der Abwechslung diente auch das Einschieben von dialogischen Texten, vorgetragen von der als Abt fungierenden und gekleideten Andrea Favari und ihrem Secretarius Doron D. Sherwin. Der Gesang der vortragenden Künstler bewegte ich zwischen gregorianischer Einstimmigkeit und sich bis zur Vierstimmigkeit ausbreitendem Satz.

Dazu kam das unterschiedliche Timbre von Männer- und Frauenstimmen und vor allem der färbende und rhythmisch akzentuierende Einsatz der Streich-, Blas- und Schlaginstrumente. Besonders in den raschen Stücken im Dreiertakt wurde so eine fast hypnotische Wirkung erzielt. Heben wir nur einen Abschnitt des Ganzen heraus: das "Ave nobilis", einen Mariengesang, der gerade in seiner Einstimmigkeit gewann.

Es gab bei diesem Konzert sinnvoller Weise keine Pause, dafür zwei Zugaben. Deren letzte, rein vokal mit größter Reinheit und schwebender Feingliederigkeit, erwies noch einmal die exzellente Gesangskunst des Ensembles Reverdie.